Kirche, Krippe und Christbaumgarten

Bis vor einigen Jahren konnte man in einer evangelischen Kirche keine Krippenaufstellung bewundern und es ist auch erst ungefähr hundert Jahre her, dass der Christbaum überhaupt in evangelischen Kirchen aufgestellt wurde.
Der Christbaum, als Gegenstück zum Maibaum, war aber schon um 1508 verpönt, wie der Straßburger Prediger Geiler von Kaysersberg in einer Predigt anmahnt: „kein Dannreis in die Stuben legen“ oder später die Stadt Schlettstatt sogar verordnet: „niemand soll Wyhenachtmayen hawen.“ Aber gerade aus dem Elsaß gibt es schon vor dem 30jährigen Krieg Berichte über das Richten von „Dannenbäumen in den Stuben“.
Der einfache Christbaumhalter wurde  für den häuslichen Bereich dann im letzten Jahrhundert kunstvoll verschönert, so dass ein „Garten“ entstand. Dies „Gestell“ wurde im südlichen Württemberg als „Christbaumgarten“ oder „Christbaumgärtle“ benannt, hier in Rottenburg und im Hohenlohischen als „Paradiesgärtlein“ bekannt. Naheliegend dazu ist, da der Christbaumschmuck aus Naturalien, also aus Äpfel und Nüssen bestand, erinnerte er an den Baum im Paradies und oft wurden auch Eva und Adam und die Schlange hineingestellt.

In unserer Gemeinde sind sowohl ein „Christbaumgarten“ mit vernickeltem Staketenzaun aus dem Jahr 1883 mit Original-Eichenbrett in Privatbesitz, als auch ein
„Paradiesgärtlein“ des Rottenburger Malers und Erfinders Eduard Widmaier, eine Holzkonstruktion mit feinen antiken „Gebrauchsspuren“, etwa um 1910 entstanden, beide mit Gartentüren, jeweils mit exakten  Angeln und Türgriff versehen und heute noch voll funktionsfähig.  
Diese „Gärten“ waren das evangelische Gegenstück zur Weihnachtskrippe

Verschiedene Krippen verlocken in Rottenburg zu einem Krippenspaziergang. Angefangen beim „Weggentaler Kripple“ kann man mehrere Stationen besuchen und auch die evangelische Kirche, denn wir haben nun auch eine eigene Weihnachtskrippe.
Die Rottenburger Töpferin Wechthold Harzer hat 2001 für unsere Kirche eine Tonkrippe gefertigt. Die Figuren sind aber nicht nur auf die Familie im Stall, also Maria und Josef und das Jesuskind in der Krippe beschränkt. Ochs und Esel müssen sich unbedingt daneben befinden und der Verkündigungsengel  ist in seiner überragenden Position auf keinen Fall zu übersehen, gleich aus welchem Blickwinkel man den Krippenaufbau betrachtet.
Neben Hirten – mit und ohne Hund, mit Lamm oder Böckchen, knieend, sitzend oder stehend – finden wir auch die Frau mit Kind und Lamm  und viele wollige Tonschafe und Ziegen in den unterschiedlichsten Stelllungen.
Zum Dreieinigkeitsfest findet der Tross der  Heiligen  Drei Könige zum Stall: Der eine steht zwischen dem bärtigen und dem  knieenden König und hinter ihnen schreitet majestätisch   das Kamel (man glaubt in die Locken seines Fells greifen zu können).

Seit Weihnachten 2005 wird ab Mitte Januar die Krippenaufstellung geändert, weil auch unsere evangelische Krippe bis Lichtmess (2. Februar) anzuschauen ist: Eine Darstellung der Flucht nach Ägypten lässt die bekannten Besucher wieder umkehren und nur Hirten und Schafe sind noch gelegentliche Begleiter.

Das Besondere unserer Krippe sind aber Tiere und Pflanzen mit symbolischer Bedeutung, die Frau Harzer der „Symbol-Fibel“ von Klementine Lipffert entnommen hat (diese Autorin hatte große Kunst- und Literaturkenntnis und war eine sehr aktive Pfarrfrau. Weil ihr Vater Jude war, wurde sie ab 1935 diffamiert. Ihr wurde verboten, Gemeindearbeit zu leisten. Sie und ihr Mann versuchten mutig, sich gegen die Euthanasie einzusetzen). So haben auf alten Altarbildern eigentlich alle Gegenstände eine symbolische Bedeutung und die verschiedensten Tiere sind in unserer Krippe zu finden. Kleine Farbbilder mit der Symbolerklärung sollen  vor allem auch Kinder zu einer Entdeckungsreise verlocken:

Wer findet den  Schmetterling? oder die Eidechse? beide als Symbol der Auferstehung.
Hätte jemand gewusst, dass der Hase als Gottes-Symbol gilt, aber 3 Hasen für die Trinität stehen? Dagegen sollen das Eichhörnchen und der Fuchs für den Teufel gelten.
Der Löwe und der Hirsch verkörpern als Symbol Christi Allmacht,  Erlösung und Taufgnade,während das Hermelin für Christus als den Überwinder des Teufels steht.
Schnecke und Eidechse wiederum gelten für Auferstehung und der Pfau für die Unsterblichkeit. Die Schildkröte aber ist ein kosmisches Symbol für die Verbindung von Himmel und Erde, dem Kamel dagegen wird das Symbol der„Lebensquelle“ zugesprochen.

Verschiedene Pflanzenarten finden sich beim Krippenaufbau als Original:
Efeu für Unvergänglichkeit und die Hauswurz für ewiges Leben, die Erdbeere dagegen für das Sinnbild des Edlen und Bescheidenen.
Nicht alle Darstellungen sind hier wiedergegeben, sie müssen an Weihnachten jeweils selbst entdeckt werden, da der Krippenaufbau sich auch jedes Jahr wieder verändert und die Suche für jeden eine neue Herausforderung ist.
Die liebevolle Aufstellung der Figuren übernimmt Frau Harzer jedes Jahr selbst. Der Stall und auch der Stern wurden von Herrn Hubert Rebmann, Schreinerei und Orgelbau, hier aus Rottenburg angefertigt . Das Grundbrett ist von  Herr Adolf Rosa aus unserer Gemeinde  unter der Kanzel, deren Formen entsprechend, genau passend konstruiert worden.

Die Figuren sind Eigentum der evangelischen Kirchengemeinde Rottenburg und wurden durch verschiedene Gemeindemitglieder (Kirchengemeinderat, Kirchenchor) gespendet, wobei sogar ein Wettstreit entbrannte: Steht schon jemand für den Esel?, dann nehme ich das Kamel....oder doch lieber den Ochs? Die Heilige Familie, die Symboltiere und die Armen Kirchenmäuschen aber schenkte uns Frau Harzer.

So gibt es also einen wichtigen Grund, jedes Jahr zur Weihnachtszeit unsere evangelische Kirche in Rottenburg zu besuchen.  

Uta Fäßler

 

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