Worte finden für den Glauben

In Erich Kästners Roman „Das Doppelte Lottchen“ gibt es gegen Ende des Buches folgende Szene: Die Eltern der Zwillinge leben getrennt. Der raffinierte Plan der beiden Mädchen hat sie wieder zusammengebracht. In einem Gespräch wollen die Eltern überlegen, ob sie dem Wunsch der Kinder folgen und zusammenbleiben können. Die Mädchen warten während des Gesprächs voller Angst und Hoffnung vor dem Zimmer, und eines sagt zum anderen: „Wenn wir jetzt doch beten könnten!“ Aber es fällt ihnen kein Gebet mehr ein außer diesem: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“
Trotz der dramatischen Situation muss ich lachen.
Das Tischgebet passt nun gar nicht. Doch die beiden sind Kinder und ihr christliches „Handgepäck“ ist noch nicht so umfangreich.  -
Das Tischgebet passt nicht und doch passt es ganz genau. Denn die beiden Mädchen verstehen sehr wohl, dass es Situationen im Leben gibt, wo die Macht von Menschen zu Ende ist. In dieser spannungsgeladenen Situation suchen sie Halt bei dem, von dem sie gehört haben, dass Menschen bei ihm gut aufgehoben sind. Sie suchen nach Worten, all ihre Ängste und Hoffnungen vor Gott zu bringen und sprechen dazu eben dieses eine Gebet, das sie kennen.

Ich denke die beiden Zwillingsmädchen aus dem „Doppelten Lottchen“ sind nicht allein mit ihrer Erfahrung, nach passenden Worten für ein Gebet zu suchen.

Mir geht es so, dass ich immer häufiger Menschen treffe, die sich selbst als gläubig bezeichnen und sehr interessiert sind am christlichen Glauben, aber sich äußerst schwer tun, ihre Glaubensüberzeugungen in Worte zu fassen. Nicht nur mir geht es so. Auch die Verantwortlichen in unserem Kirchenbezirk teilen diese Erfahrung und haben als Jahresthema für den Kirchenbezirk das Thema gewählt: „Worte finden für den Glauben“.
Was antworten Sie, liebe Gemeindeglieder, auf die Frage: „Was glauben Sie eigentlich?“
Vielleicht mögen Sie einmal darüber nachdenken.

In diesem Jahr ist es 475 Jahre her, dass die Reformation nach Württemberg kam. Es war ein zentrales Anliegen der Reformation, dass Menschen zu mündigen Christen werden, die selber sagen können, was sie glauben.
Als Hilfe dazu hat Martin Luther 1529 sein Lehrbuch für den christlichen Glauben verfasst (Katechismus). Er war der Ansicht, dass jeder Christ über die Glaubensinhalte Bescheid wissen muss genauso wie jeder gute Handwerker sein Handwerk beherrschen muss, wenn er damit bestehen will. So haben Generationen die Hauptstücke des christlichen Glaubens auswendig gelernt und dazu die Erklärungen Luthers.
In den vergangenen Jahrzehnten gab es einen sehr starken Abbruch dieser Tradition, zugleich hat die religiöse Vielfalt zugenommen.
Deshalb ist heute eine ganze Generation gefordert, gemeinsam neue Wege aus der Sprachlosigkeit in Glaubensfragen zu finden.
Warum?
Ich halte es für wichtig, dass Christinnen und Christen in den unterschiedlichsten Situationen darüber Auskunft geben können, was ihnen Mut macht, welcher Lebensgrund sie trägt und welche Lebenshaltung sie prägt. Das wird manchen Gesprächen und Diskussionen eine andere Wendung geben. Ich denke an Gespräche über Gelingen und Scheitern im Leben, über Krankheit und Gesundheit, über Sterben und Tod.
Lassen Sie uns im Rahmen des Jahresthemas in unseren Gemeindegruppen und in den Gottesdiensten immer wieder versuchen zu sagen, welche Glaubenserfahrungen uns tragen und welche Zweifel wir haben – auch das gehört dazu.
Lassen Sie uns dranbleiben an dem, was uns hält und trägt im Leben und im Sterben, so dass das „Handgepäck“ unseres Glaubens umfangreicher wird und mehr enthält als „Komm, Herr Jesus sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.

 

Pfarrerin Andrea Frank