Wochenimpulse in Corona-Zeiten

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Liebe Besucher*innen unserer Homepage,

seit Mitte März haben wir für jeden Tag einen Impuls hier für Sie bereitgestellt. Herzlich sei allen gedankt, die die Impulse geschrieben haben und allen, die sie an andere weitergegeben haben.

Ab Juni finden Sie nun die Impulse wöchentlich auf dieser Seite.

Die 77 Tagesimpulse und Predigten aus der ersten Corona-Zeit finden Sie weiterhin unten im Archiv.

Wir hoffen, mit diesen Impulsen Sie in diesen Zeiten geistlich begleiten zu können und freuen uns, wenn Sie uns auch weiterhin treu verbunden bleiben.

Wochenimpuls für die Woche vom 5.-11. Juli 2020 von Pfr.i.R. Wolfgang Wagner

Apokalypse

Kürzlich las ich in einem Informationsdienst, den ich zur Ergänzung der Tagespresse beziehe, den Satz: „Zuweilen hat man das Gefühl, die politischen und publizistischen Eliten sind Teil einer europäischen Apokalypse-Industrie. Pünktlich zum Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft überbietet man einander in Weltuntergangsszenarien.“

Es mag auch andere Zeitgenossen das Gefühl beschleichen, dass wir in apokalyptischen Zeiten leben. Das Wort Apokalypse wird verbunden mit Katastrophen aller Art, nicht zuletzt auch mit Seuchen und Pandemien. Medien und Filme vertiefen diese Vorstellungen.

Das Wort geht zurück auf das letzte Buch der Bibel, die Johannesapokalypse, und meint schlicht „Offenbarung“. Der erste Satz lautet dort: „Offenbarung (oder Enthüllung) Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat.“ Obwohl in diesem Buch große Schrecken ausgemalt werden, geht es im Kern gerade darum, in ihnen das gute Handeln Gottes zu entdecken.

Wahrscheinlich machen viele Bibelleser um die Johannesapokalypse einen Bogen. Schließlich hat schon Martin Luther geäußert: „meyn geyst kann sich ynn das buch nicht schicken“. Er konnte in den verschlüsselten Bildern seinen Christus nicht wiederfinden. Man ist mit der Ablehnung der Johannesoffenbarung also  in guter Gesellschaft. Die Aufnahme in den Kanon der anerkannten Schriften war lange umstritten, manche Kirchen erkennen sie bis heute nicht als Heilige Schrift an.

Nun hat ein Literaturkreis, der sich nach wochenlanger Zwangspause bei uns wieder trifft, ausgerechnet dieses Buch sich vorgenommen. Normalerweise diskutieren wir da Romane und Erzählungen. Möglicherweise kann man aber auch die Johannesoffenbarung sogar besser verstehen, wenn man sie zunächst literarisch liest. Das geht kaum ohne einen guten historisch-kritischen Kommentar. Doch natürlich wird vom Theologen erwartet, dass er darüber hinaus kundtut, wozu diese Schrift gut sein soll.

1. Die Johannesoffenbarung wie die ganze Bibel bietet eine nüchtern-realistische Sicht des Menschen und seiner Geschichte. Trotz aller wissenschaftlicher und technischer Fortschritte ist die Versuchung der Macht eine bleibende Herausforderung. Ob man nun theologisch von Sünde spricht oder psychologisch von Lebensgier: Die Versprechungen des ewigen Friedens durch Wissenschaft und Fortschritt haben sich als Illusionen gezeigt. Wer sich den erschreckenden Visionen der Johannesapokalypse stellt und sie auf sich wirken lässt, ist gewissermaßen geimpft gegen leichtfertigen Optimismus, der sich und andern etwas vormacht. Man muss darum  nicht in Depressionen versinken, wenn einen schlechte Nachrichten überfluten.

2. Die beschrieben Visionen, die Material der alttestamentlichen Prophetie und jüdischen Apokalyptik verwenden,  sind sicherlich zunächst für die zeitgenössische  Kirche des Johannes bestimmt. In den sieben Sendschreiben an Gemeinden in Kleinasien, dem  damaligen Zentrum der Christenheit, ist eine klare Orts- und Zeitangabe mitgegeben. Deswegen kann man nicht von einem Plan Gottes für alle künftigen Zeiten ausgehen wie es Sekten und bestimmte fundamentalistische Gruppen gern tun. Die nun schon fast zweitausendjährige Auslegungsgeschichte mit oft fatalen Aktualisierungen lehrt uns, dass immer wieder Generationen vom Gefühl des Weltendes überwältigt wurden. Die Zukunft liegt aber in Gott: „Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Offb.21,4)

3. Christus wird wesentlich (28 mal) mit dem Bild des „Lamm Gottes“ ausgedrückt, das in der Welt ohnmächtig erscheint, aber durch Gott ermächtigt wird. Die beherrschende Mitte der christlichen Enderwartung ist auch im letzten Buch der Bibel der Sieg des auferstandenen Christus, an dem seine Nachfolger teilhaben. Das soll sie befähigen, trotz aller Widerstände oder gar Verfolgungen am Gebot der Gottes- und Menschenliebe festzuhalten. Imperien der Gewalt und Unterdrückung wie damals das Römische Reich bleiben eine Herausforderung für die Christenheit. Ich erinnere gern an Gustav Heinemann. Der spätere Bundespräsident schloss 1950 den Evangelischen Kirchentag in Essen mit starken Worten an die Völker der Welt: „Unsere Freiheit wurde durch den Tod des Sohnes Gottes teuer erkauft. Niemand kann uns in neue Fesseln schlagen, denn Gottes Sohn ist auferstanden. Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen – unser Herr aber kommt!“

4. Wer sich von den Schreckensbildern der Johannesapokalypse fesseln lässt, übersieht die vielen Gebete und Lieder in diesem Buch. Sie sind nicht zufällig kulturprägend geworden.  Man denke an Kantaten Johann Sebastian Bachs („Wachet auf ruft uns die Stimme“), Felix Mendelssohn-Bartholdy („Beati mortui in Domino“) oder Johannes Brahms („Ein Deutsches Requiem“). Leicht kann man ein- bis zweihundert Anspielungen an die Apokalypse im Evangelischen Gesangbuch finden. Von Dürer bis Dali haben sich Maler aller Zeiten anregen lassen.

So hat schließlich auch Martin Luther bei aller Abneigung in dieser zeitbedingten Schrift eine dauernde Bedeutung gefunden: „…das Christus durch und über alle Plagen, Thiere, böse Engel, dennoch bey und mit seinen Heiligen ist, und endlich obligt“.

In unserer Zeit hat der Berner Pfarrer Kurt Marti in seinem Lied „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt“ (Ev. Gesangbuch Nr.153) gedichtet: „Der Himmel, der kommt, das ist die Welt ohne Leid, wo Gewalttat und Elend besiegt sind… Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.“

Wolfgang Wagner