Wochenimpulse in Corona-Zeiten

Blumenwiese

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Christus, Kloster Hosios Loukas, Griechenland Foto: F. Bresch

Sieh mich an

 

„Regarde-moi! Regarde-moi!“ Ich höre die Stimme des französischen Jungen noch. Laut, hell, dringlich. „Schau her! Schau her!“ Es war ganz wichtig, dass sein Vater, ihm zuschaute, wie er oben auf dem Sprungbrett stand, in die Knie ging, ein wenig federte als zögere er noch, um dann mit einem schwungvollen Salto ins Wasser zu springen. Schau, was ich kann! Der Vater klatschte und rief: „Das machst du ja wirklich ganz super.“

Was wäre der gelungene Sprung gewesen, wenn niemand zugesehen und ihn lobend gewürdigt hätte? Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir leben nicht nur vom Brot und vom Geld, sondern ebenso davon, dass wir gesehen werden und dass gewürdigt wird, was wir tun. Wir sind auf Resonanz angewiesen, wie der Soziologe Hartmut Rosa das nennt. Was geschieht, wenn wir das Gefühl haben, dass sich niemand für uns interessiert? Wir werden lethargisch, alles erscheint sinnlos. Aber unter einem wertschätzenden, gar liebevollen Blick blühen wir auf, es gelingen uns erstaunliche Dinge, das Leben wird schön.

Der Blick Gottes, der Blick Jesu spielt in der Bibel eine große Rolle. Ich denke an die Geschichte von Hagar, der Magd Sarahs. Sie war auf Veranlassung Sarahs von Abraham schwanger. Aber nun war Sarah eifersüchtig und drangsalierte Hagar, wo immer sie konnte. Da floh Hagar. Aber sie hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen sollte. Sie konnte doch nicht in der Wildnis überleben. Gott aber schickte ihr einen Engel, der ihr neue Hoffnung gab, so dass sie für sich und ihr Kind einen Weg in die Zukunft fand. Hagar nannte deshalb Gott „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1. Mose 16)

Von Jesus wird häufig erzählt, dass er die Menschen anschaute, die ihm begegneten. Er nahm nicht einfach zur Kenntnis, dass da jemand war, sondern er sah in ihren Augen, in ihrer Haltung und Mimik die Not, die Fragen, die Sehnsucht, auch die Schuld und die Trauer. Das war für ihn der Anlass zu heilen, zu predigen, zu trösten und die Schuld zu vergeben. Ein Gott, der mich sieht und der mir hilft. Auf manchen Bildern wird darum Gott als Auge symbolisiert. Auf den Ikonen der orthodoxen Kirche fällt immer wieder der ausdrucksvolle Blick von Christus oder einem der Apostel ins Auge.

„Regarde-moi!“ Das hat verschiedene Bedeutungen: „Schau her!“ „Sieh mich an!“  „Sieh nach mir!“ „Nimm mich in Acht!“ „Pass auf mich auf!“ Alles das schwingt mit, wenn Gott uns anschaut. Da werden wir geachtet. Dieser Blick sagt: „Es ist schön, dass du da bist.“ Und unter diesem Blick sind wird geborgen, was immer geschieht.

Es ist eine gute Übung, gelegentlich innezuhalten und sich innerlich unter diesen Blick zu stellen. Sie können das am Morgen tun, wenn der Tag mit seinen Aufgaben, seinen Herausforderungen und Versprechungen vor Ihnen liegt. Dann diesen Tag betrachten im Licht des liebenden Blickes Jesu. Sie können es am Mittag tun als Zwischenbilanz und um neue Kraft zu schöpfen. Oder am Abend und dabei den Tag noch einmal an sich vorbeiziehen lassen. Einfach alles kommen lassen, was da auftaucht, es nicht verurteilen, sondern es in diesen Blick halten. Manches wird sich dann verwandeln: Übergroße Sorgen schrumpfen, Zuversicht wächst, Unruhe findet Frieden und wir entdecken viele Gründe, dankbar zu sein.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie so getrost Ihren Weg gehen können.

 

Ihr Pfr. i.R. Friedemann Bresch